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Erster Test: Bentley Flying Spur

Erster Test: Bentley Flying Spur

Eine andere Welt

14.05.2013

Sie zieht ihre roten Seidenhandschuhe aus, nur um sie kurz darauf hektisch wieder anzuziehen. Das tut sie mehrmals, fast an jeder roten Ampel. Rote Ampeln gibt es viele in Peking; und wenn es nicht die Lichtanlage ist, die einen zum Stehen bringt, dann ist es der Stau.

Frau Li – so nenne ich die kleine Taxifahrerin mit den schwarzen Haaren, denn zu fragen, wie sie heißt, nützt nichts; sie spricht kein Wort Englisch – versucht den ewigen Stau auf ihre Weise zu minimieren: Sie wechselt mit ihrem Hyundai Elantra aus den 90er Jahren alle paar Sekunden die Spur, entscheidet sich spontan für Umwege - und hupt im Zweifelsfall eifrig.

Auf das Vorankommen wirken sich diese Methoden kaum positiv aus, da alle sie anwenden. So bleibt mir genügend Zeit, dass für uns Langnasen ungewohnte Treiben auf den teils fünf-, sechs- und noch-mehr-spurigen Straßen zu beobachten. Billig-Modelle einheimischer Hersteller, deren Namen man in Europa weder schon mal gehört hat noch aussprechen kann, mischen sich mit Langversionen der bei uns etablierten Premium-Mittelklasse-Modelle und zahlreichen Mobilen, die vermuten lassen, das Wort Gefährt komme von Gefahr; dem deutschen TÜV sollten die überladenen Lkws, wackeligen Dreiräder und notdürftig zusammengeschweißten Altbestände besser nicht vorgeführt werden.

Für Nase und Ohren

Erster Test Bentley Flying SpurDazu kommt ein Cocktail für Nase und Ohren, der durch die geöffneten Scheiben des Hyundais ins Innere dringt. Wildes Gehupe mischt sich mit Wortfetzen angeregter Diskussionen, Abgase vereinen sich mit dem Duft gebratener Enten, die fliegende Händler an der Bordsteinkante feilbieten. Zusammen mit dem rhythmischen Wippen des Taxis, dessen Stoßdämpfer schon bessere Tage gesehen haben, versetzen mich diese exotischen Impressionen in eine Art Trance; ja, China ist eine andere Welt.

Vor allem aber ist das Reich der Mitte eine Welt mit zwei Gesichtern. Während sich in den Hutongs, den kleinen Gassen Pekings, mehrere Generationen eine enge Wohnung teilen, residieren andere in großen Palästen. Arm und Reich prallen in den Metropolen - China hat rund 200 Millionen-Städte - aufeinander. Die besser situierten Chinesen sind es auch, die den deutschen Automobilherstellern derzeit die Bilanzen retten. Denn während der Markt in Europa stagniert und auch in den USA nur geringfügig zulegt, kann China zweistellige Zuwachsraten vorweisen, teilweise von deutlich über 20 Prozent.

Sichtbare Gegensätze

Erster Test Bentley Flying SpurDass kommt auch Bentley zu Gute. Der Luxusautobauer verkaufte mehr als ein Viertel seiner im vergangenen Jahr rund 8.500 ausgelieferten Fahrzeuge in China. So überrascht es nicht, dass sich die Briten für die Vorstellung ihres neuen Flying Spur ausgerechnet Peking ausgesucht haben; 6 von 10 der Vorgänger-Limousinen wurden 2012 im Reich der Mitte abgesetzt – Tendenz steigend. Ein Auto aus einer anderen Welt - für eine andere Welt.

Sichtbar werden die Gegensätze zum ersten Mal, als Frau Li mit ihrem Taxi in die Vorfahrt des Luxus-Hotels gegenüber des eigens für die Olympiade 2008 aus dem Boden gestampften Stadionparks rollt und neben dem adrett drapierten Bentley zum Stehen kommt. Mit 5,29 Metern überragt der Flying Spur ihren Wagen vorne wie hinten um ein ordentliches Stück. Gewachsen ist der Brite bei dieser nun vollzogenen, grundlegenden Überarbeitung nicht, doch hat er sich optisch deutlich weiterentwickelt.

Fast ein neues Modell

Erster Test Bentley Flying SpurDas will das Bentley-Marketing, das den Begriff Facelift nicht hören mag und lieber von einem neuen Modell spricht, schon bei der Namensgebung deutlich machen. Reihte sich die Limousine bislang als eines von drei Derivaten neben Coupé (GT) und Cabrio (GTC) in die Continental-Baureihe ein, darf sie jetzt auf den vorangestellten Zusatz verzichten und nur noch Flying Spur heißen. Ihr Gesicht aber - jetzt mit größeren Scheinwerfern - kann die Verwandtschaft zu den beiden schnittigeren Ablegern freilich nicht verhehlen.

Auffälliger haben die Designer am Heck Hand angelegt und dem Spur, der eine komplett neu entwickelte Karosseriestruktur bekam, einen deutlich schickeren Hintern gezeichnet. Der Bentley wirkt flacher, und die breiten Rückleuchten verleihen ihm mehr Eigenständigkeit als bisher. Praktisch, dass im Zuge der Renovierung des Hecks der Kofferraum etwas gewachsen ist und nun 475 Liter fasst; das ist in Anbetracht der Dimensionen nicht ubermäßig viel, aber schließlich geht der meiste Platz für die Passagiere drauf.

Spaß am Selberfahren

Erster Test Bentley Flying SpurDie können sich wie bisher bestens entfalten, wie ich auf der ersten Testfahrt zur chinesischen Mauer sowohl vorne links, als auch hinten rechts erleben durfte. Auch mit 1,93 Metern findet man als Fahrer problemlos Platz, wenngleich die Dachholme dem Haupt nach wie vor etwas nahe kommen. Die Beine allerdings lassen sich problemlos unter dem griffigen Lederlenkrad verstauen; das ist wichtig, denn schließlich gilt der Bentley durchaus als Selber-Fahr-Auto, bei dem der Chauffeur - zumindest am Wochenende - gerne mal nach Hause geschickt wird.

Es ist nur verständlich, dass, wer knapp 192.000 Euro ausgibt (rund 10.000 mehr als für den Vorgänger), auch gerne selbst in den Genuss des mittlerweile auf 625 PS erstarkten Zwölfzylinders kommen möchte. Der antrittsstarke Sechsliter-W-Motor mit Biturbo-Aufladung stammt ursprünglich aus dem VW-Regal (Phaeton), ist aber grundlegend weiterentwickelt worden und nun an eine Acht- statt Sechsgang-Automatik gekoppelt, die äußerst unauffällig mit den 800 Newtonmetern Drehmoment hantiert und sie fast immer treffsicher zwischen den Achsen verteilt. Nur auf geschotterten Landstraßen ist der Schlupf manchmal schneller als der hecklastige Allradantrieb; schon nach Sekundenbruchteilen untersagt die Regelelektronik den Hinterrädern aber das Scharren.

Weniger Verbrauch, mehr Komfort

Erster Test Bentley Flying SpurDas neue Getriebe erhöht nicht nur den Komfort weiter, sondern senkt - mehr als das um 50 Kilogramm geringere Gewicht (immer noch knapp 2,5 Tonnen) – vor allem den Verbrauch. Auf dem Papier nimmt sich der Zwölfzylinder, der sich, obwohl die maximale Kraft erst bei zweitausend Umdrehungen schon weit darunter wohlfühlt und wirklich nur unter Volllast zu hören ist, nunmehr 14,7 Liter; bisweilen waren es 16,6 - und in der Praxis nie unter 20. Nach den ersten 400 Kilometern bescheinigt der Bordcomputer dem neuen Spur dagegen sogar ein Zehntel weniger als den Normwert.  

Ganz oben im Lastenheft stand, den Komfort noch weiter zu steigern. Das war nicht zuletzt wichtig in Hinblick auf die neue S-Klasse, die in wenigen Tagen ihre Premiere feiert und neben der üblichen Langversion auch als Maybach-Ersatz in extralang in Bentley-Sphären vorstoßen soll. Um (nicht nur) für die Konkurrenz aus Stuttgart gewappnet zu sein, wurden die Karosseriesteifigkeit weiter erhöht (das sorgt für weniger Wackeln), das Geräuschniveau noch weiter abgesenkt (Gespräche zwischen vorne und hinten sollen um 40 Prozent „besser“ geworden sein) und eine neue Rad-Reifen-Kombination entwickelt.

Ich-könnte-Werte

Erster Test Bentley Flying SpurDie neuen 19-Zoll-Komforträder können zwar optisch nicht ganz mit den 20- oder 21-Zoll-Felgen mithalten, doch fällt das nur im direkten Vergleich auf und der noch bessere Abrollkomfort entschädigt dafür gänzlich. Sänftengleich gleitet der Spur so besohlt auch über chinesische Straßen der dritten, vierten oder noch schlechteren Kategorie. Vorausgesetzt, die serienmäßige Luftfederung ist ebenfalls auf Komfort getrimmt - was wohl Standard sein dürfte, denn kaum jemand wird ernsthaft sportliche Ambitionen hegen.

Die Möglichkeit, die Feder-Dämpfer-Abstimmung zu straffen, fällt wie die überflüssigen - und noch dazu unhandlichen - Schaltwippen am Lenkrad und die mögliche Sprintzeit von 4,6 Sekunden in die Kategorie „Ich könnte, wenn ich wollte“. Zumal der Standardsprint immerhin ausgereizt werden könnte, die maximale Geschwindigkeit von 322 km/h dagegen außerhalb der Bundesrepublik ein theoretischer Wert bleiben wird. Der Vorgänger stieß bereits in ähnliche Regionen vor und demonstrierte, bei aller Liebe, dass über zwei Tonnen Leergewicht für solche Eskapaden etwas zu viel sind – beste Straßenlage hin, Super-Bremsen her. Von Kurvenfahrten ganz zu schweigen...  

Neue Fernbedienung

Erster Test Bentley Flying SpurDamit zukünftig auch die Passagiere im großzügigen Fond wissen, wie schnell der Fahrer den Flying Spur gerade bewegt, hat sich Bentley ein neues Bediensystem für die zweite Reihe einfallen lassen. In der Mittelkonsole gibt es eine Smartphone-große Bedieneinheit mit Touchscreen, die sich entnehmen lässt und über die neben der Steuerung von Klimaanlage und grundlegenden Unterhaltungs-Funktionen auch ein digitaler Tacho und der Wegstreckenzähler angezeigt werden können.

So soll den Passagieren, zusammen mit großen Bildschirmen an den Vordersitzen, praktischen Picknicktischchen und einem Champagnerkühler in der Mittelarmlehne die Reise möglichst angenehm gestaltet werden - mit Erfolg, wie der zweite Teil der Testfahrt erleben ließ. Und selbst das Stehen im Stau wird so nicht zur Belastungsprobe für Nervenkostüm und Ehe. Nur der Reiz des Exotischen bleibt einem verborgen, denn die Gerüche und Klänge der anderen Welt haben keine Chance, durch die doppelt verglasten Scheiben zu dringen ...

 
Fazit
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Wieder einmal lehrt ein Luxushersteller, dass man Gutes noch besser machen kann. Der Flying Spur profitiert deutlich von den grundlegenden Überarbeitungen, kommt mit seiner neuen Karosserie sichtbar eigenständiger daher und bietet, vor allem mit den neuen 19-Zoll-Rädern, noch mehr Komfort als bisher. Das Leistungsplus des Motors ist ein nettes Zubrot, das nicht nötig gewesen wäre, sich aber sicher hervorragend vermarkten lässt. Und natürlich muss sich der Bentley auch hier vom Vorgänger unterscheiden.

Mit dem neuen Bediensystem im Fond setzt Bentley einen deutlichen Akzent, dass dagegen das Navigations- und Entertainmentsystem selbst nach wie vor auf der etwas in die Jahre gekommenen Phaetontechnik basiert, ist schade. Das Audi-System zu adaptieren, welches unter anderem in Bentleys Flaggschiff Mulsanne zum Einsatz kommt, wäre wahrscheinlich zu teuer gewesen und hätte den mit 10.000 Euro bereits happigen Aufschlag gegenüber dem Vorgänger noch weiter in die Höhe getrieben. Allein das ist deutlich mehr als Frau Lis Taxi heute Wert ist. Auch die Preise sind eben aus einer anderen Welt.
 

 

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